Interview mit dem Equipe-Chef für die WM 2017

04.07.17 von Administrator

Entscheidungen für die Zusammenstellung der Mannschaft

Carsten Eckert, Sportleiter des IPZV, hat der Online-Redaktion unseres Verbandes im Anschluss an die Deutsche Meisterschaft in Wurz ein Interview gegeben. Darin begründet der Equipe-Chef für die WM 2017 seine Entscheidungen für die Zusammenstellung der Mannschaft und erläutert Chancen und Perspektiven für Team Germany in Oirschot.

IPZV: Carsten, Du hast in diesem Jahr verantwortlich die erwachsenen Reiter für die WM-Equipe ausgesucht.Was sagst Du zur Leistungsdichte auf den diesjährigen Qualifikationsturnieren?

Carsten Eckert: Wir hatten in diesem Jahr eine deutlich höhere Leistungsdichte in Deutschland als je zuvor. Im Gegensatz zu den Weltmeisterschaften 2015 haben wir nicht nur zwei bis drei Titelaspiranten bei den Erwachsenen, sondern eine ganze Reihe weiterer Reiter, die in der Lage sind, an einem guten Tag eine Top-Leistung zu bringen und Titel zu holen.

Jeder von uns Verantwortlichen wusste, dass wir vor zwei Jahren in den Finals aufgrund der Tatsache, dass unsere Finalpferde 2015 noch recht jung waren, nur Außenseiterchancen hatten. Es hat sich, wenn man die Ergebnisse der letzten WMs betrachtet, herausgestellt, dass Pferde, die unter zehn Jahre alt sind, nur selten in der Lage sind, ganz vorne platziert zu sein. Die Anforderung an Rittigkeit, Balance und letztlich die Ausbildung ist in den letzten Jahren exorbitant gestiegen. Ich bin - mit vielen anderen - der Meinung, dass dies gut so ist.

IPZV: Stell doch bitte mal unser Team vor!

Carsten Eckert: Gern, gehen wir doch einfach mal unser WM-Team durch …

Johanna Tryggvason mit Fönix:
Johanna hat Fönix grandios weiterentwickelt. Das Zügelüberstreichen im DIM-Finale der T2 und schon bei der Endausscheidung in Lingen waren unglaublich gut! Fönix hat aufgrund der weiteren Ausbildung deutlich mehr Tragkraft bekommen und sein extremer Ausdruck ist bestechend.

Helmut Bramesfeld mit Blöndal:
Der Weltmeister von 2015 geht mit völlig anderen Vorzeichen an den Start. 2015 fuhr Helmut als einer von vielen Anwärter auf den Speedpasstitel nach Dänemark. Nach sehr durchwachsener DIM 2015 in Neuler hat er nicht bei vielen zu den Titelaspiranten gezählt. Nun muss Helmut als Gejagter zur Titelverteidigung. Blöndal ist top im Trainingszustand. Die auf der diesjährigen DIM etwas fehlende Balance wird Helmut mit Sicherheit bis zur WM wiederfinden. Unser Trainer und Betreuerteam unterstützt ihn dabei nach Kräften. Bereits 2015 hat Helmut gezeigt, dass er gute Nerven hat und dem Druck standhält.

Jolly Schrenk mit Glæsir:
Jolly hat schon viele Pferde an die internationale Spitze geritten. Mittlerweile hat sie Glaesir, der durch seine Elastizität und die komplett rhythmische durch den Körper gehende Bewegung besticht, zu einem herausragenden T2-Spezialisten gefördert. Das Pferd wird in perfekter Form vorgestellt. Dabei ist er extrem ausdruckstark. Bei allen T2-Auftritten in diesem Jahr überzeugte Glæsir durch die deutlich verbesserte Balance.

Lisa Drath mit Bassi:
Bassi zeigte bis zur DIM eine steil nach oben zeigende Formkurve. Wenn man die internationalen Ergebnisse betrachtet, muss man auch Bassi und Lisa als Titelfavorit sowohl im Fünfgang als auch in der Kombination sehen. Ich kann mir in den Wochen bis zur WM noch weitere Verbesserungen vorstellen.

Frauke Schenzel mit Gletting oder Gustur:
Gustur hatte mich bereits nach seinen Auftritten in Lingen und auf dem Kronshof überzeugt. Gustur besticht durch seine Gleichmäßigkeit. Er hat keinen schwachen Gang. Gletting war in der Vorentscheidung und im Finale der DIM phantastisch. Das T1-Finale hat mir gezeigt, dass Frauke auch in der T1 nach Edelmetall oder sogar auf den Titel schielen kann. Welches Pferd Frauke auf den Weltmeisterschaften zeigen wird, entscheiden wir kurzfristig.

Vicky Eggertson mit Salvör:
Dass Vicky mit Salvör im Team ist, kann niemanden wirklich erstaunen. Auf fast allen großen Turnieren konnte sie die Passprüfung gewinnen. Allein dieses Jahr schloss sie 3 Passprüfungen als Sieger weit über 8,00 Punkte ab. 2016 gelang es ihr dreimal, über 8 Punkte zu erreiten. Um auf der WM unter den Top 5 in der Passprüfung zu sein, benötigt man nun einmal einen Ritt über 8. Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist in diesem Jahr so hoch wie noch selten in einem deutschen WM-Team. Natürlich wird Vicky mehr als eine Prüfung auf der WM reiten.
Lassen Sie sich überraschen.

Irene Reber mit Þokki:
Auch ihre Formkurve zeigt steil nach oben. Als Deutsche Vizemeisterin in der T1 und nach starken Ritten im Viergang und der Viergangkombination kann Irene bei Vergabe der Medaillen mit Sicherheit ein Wort mitreden.
Besonders wichtig für die Nominierung ist auch in diesem Fall die Reproduzierbarkeit der Leistung, sprich:
viele Ritte auf höchstem Niveau.

Johanna Beuk mit Merkur:
Unser dominierendes Pferd im Viergang war zur Überraschung vieler Merkur von Johanna Beuk. Auch in der T1 ritt sie 8 Punkte und erreichte diese Note in der Vorentscheidung. Ich selbst habe damit überhaupt nicht gerechnet. Hätte mich jemand vor der Saison gefragt, hätte ich diese Leistungssteigerung kaum für möglich gehalten. Auch da sieht man, was Kontinuität, hohe Rittigkeit und gute Ausbildung möglich machen. Johanna hat eindrucksvoll gezeigt, dass die tolle Leistung auf international höchstem Niveau wie in Aegidienberg nicht einmalig war, sondern sie dies jederzeit wiederholen kann. Auf der DIM hat sie mit fast 8 Punkten eine sensationelle Leistung im Viergang geboten.

 

Laura Steffens und Jana Köthe:
Welche der beiden jungen Amazonen auf der WM starten wird und welche das Team als Ersatzpferd unterstützt, werde ich kurzfristig auf der WM entscheiden. Natürlich hängt dies mit der Situation in anderen Teams und in unserem Team zusammen. Sagen wir, dass es da ein wenig um die taktische Ausrichtung geht. Laura hat einen für ihre Verhältnisse sehr guten Viergang geritten. Teigur konnte die Form im Tölt leicht halten. Ich hatte Laura schon sehr früh im Visier, denn ihr Teigur besticht durch seine Elastizität - die Grundvoraussetzung im internationalen Spitzensport. Im Tölt hatte sie auf der DIM kein Glück. In Aegidienberg hatte sie aber schon gezeigt, dass Teigur enorm elastisch ist und mittlerweile über ausreichend Tempo im Tölt verfügt.

Auch Jana Köthe hat die Richtergruppe überzeugt. Die Featherpreis-Trägerin der diesjährigen DIM hat Fannar frá Kvistum, den wir schon oft unter Frauke Schenzel gesehen haben, auf über 7 Punkte im Fünfgang geritten. Ihre Darbietung war leicht und schön. Da unsere Spitzen-Fünfgänger im Jugendbereich ausgefallen sind, ist ein Einsatz als zweiter oder dritter Fünfgänger denkbar.

IPZV: Wieso nehmt ihr nicht mehr Reiter und Pferde mit zur WM?


Carsten Eckert: Wir haben nur Platz für acht erwachsene Reiter plus zwei Titelverteidiger sowie sechs junge Reiter
plus einen Titelverteidiger. Neu ist in diesem Jahr das Ersatzpferd bei den jungen Reitern. Mehr lässt das Regelwerk
nicht zu. Es ist kein Geheimnis, dass noch weitere Namen auf meinem Zettel standen.

Jeder konnte sehen, dass weitere Pferde in den Mannschafts-Check bei unserem Verbandstierarzt Dr. Georg Veith
und der Pferdechiropraktikerin und Tierärztin Dr. Susanne Braun zu Gast waren. Die Gründe, warum ich mich für
die oben genannten entschieden habe, sind vielfältig und unterschiedlich.

IPZV: Es gibt auch Unmut über Deine Entscheidungen! Was sagst Du dazu?

Carsten Eckert: Ich habe großen Respekt vor den Leistungen aller Reiter in den Qualifikationsturnieren.
Letztlich muss ich mich als Verantwortlicher aber entscheiden, wie ich das Team ausrichte und dabei auch
unbeliebte Entscheidungen treffen.Diese erkläre ich natürlich auch gerne den betroffenen Reitern.
Solche Gespräche haben schon auf der DIM stattgefunden.

Ich habe das Gefühl, dass meine Entscheidung, die ich mit Magnús Skúlason und einem Beraterteam zusammen gefällt habe, bei wirklichen Experten unumstritten ist.

Dass sich Fans oder das Umfeld von Reitern enttäuscht zeigen, ist ein Anzeichen hoher Identifikation mit unserem
Sport, dem Reiter und dem Islandpferd. Das - für sich genommen - ist eine tolle Sache, und dafür ertrage ich auch
den einen oder anderen unzufriedenen bis teils unsachlichen Kommentar. Da geht es mir ja deutlich besser als den Verantwortlichen im DFB. Diese haben ja, wie man weiß, Millionen Bundestrainer …

Ich möchte aufgrund der Aufregung in den sozialen Medien noch Folgendes konkret anmerken:
Ich halte Viktoria Große für eine der besten erwachsenen Nachwuchsreiterinnen im Bereich Pass, die wir haben.
Schon vielfach und seit Jahren haben wir daher Viktoria eine Aufnahme in die Kader des IPZV angeboten
(erstmalig 2012 in Berlin). Leider hat sie dieses Angebot immer wieder, wie auch auf dieser DIM, abgelehnt. Ihr Krummi ist in diesem Jahr in Aegidienberg seine beste Zeit überhaupt gelaufen.

Die Aegidienberger Bahn ist aufgrund des guten Zuges und der geringen Breite extrem schnell. Viktoria hat hier
eine herausragende Leistung gezeigt. Krummi ist in Aegidienberg mit 22,03 Sekunden knapp an die von mir
ausgegebene interne Teamorder von „Schneller als 22 Sekunden“ herangelaufen. Ihren Start (die ersten 50 Meter)
konnte sie hier deutlich verbessern.

Zu diesem Zeitpunkt war nur Markus Albrecht-Schoch aus der Schweiz in Móarbær schneller (21,89). Bei optimalem Start und guten Rennbedingungen müsste Krummi sogar in der Lage sein, eine 21er Zeit zu laufen. Leider konnte Viktoria die Aegidienberger Topzeit auf der Deutschen Meisterschaft nicht wiederholen und bestätigen.

Teitur und Martin haben gezeigt, dass es auch bei den äußeren Rahmenbedingungen in Wurz möglich war, hier schnell zu sein. Als Drittplatzierte ist sie Deutsche Meisterin mit 22,64 Sekunden in der P1 geworden. Diese Zeit ist natürlich sehr gut, aber auf internationalem Geläuf im Bereich der Erwachsenen nicht ausreichend für Medaillenhoffnungen.

Gerne hätten wir Viktoria in den letzten Jahren mit einer Mitgliedschaft im Bundeskader intensiver gefördert und unterstützt, um eine weitere Leistungssteigerung im Hinblick auf die die großen Championate zu ermöglichen. Das geht natürlich nur, wenn der Reiter dies möchte.

Für eine Nominierung im deutschen Team benötigt man übrigens weder besonders viel Geld oder einen großen Hof
im Rücken. Ich selbst habe schon mehrfach Reitern einen WM-Start ermöglicht, indem ich einen Sponsor oder Förderer
gefunden habe, der diesen finanziert hat.

IPZV: Reden wir noch einmal über die jungen Reiter. Wie sieht es da aus?

Carsten Eckert: Die Jungen Reiter wurden von Suzan Beuk ausgesucht. Mit Lucie Maxheimer haben wir die T2-Titelträgerin in der Mannschaft. Wir werden sehen, mit welchem Pferd sie an den Start geht. Bisher ist dies noch nicht final entschieden.

Bei den jungen Reitern haben wir eine Auswahl getroffen, von der wir hoffen, dass sie im internationalen Vergleich mit den anderen jungen Reitern aus allen Nationen erfolgversprechend ist.

Olivia Ritschel in V1 und T1, Lea Brill in T2. Zur Unterstützung dieser beiden wurden Brynja Árnason und Marlene Feldt (als Reserve) ins Team berufen. Außerdem möchten wir uns mit unseren zwei guten Passern von Svenja Kohl und Anna-Alice Kesenheimer der Konkurrenz stellen.

Olivia und Alvar sind ein extrem gutes Team. Medaillenchancen in T1, V1 und der Kombination sind völlig realistisch vorhanden. Sie ist immerhin zusammen mit Irene Deutsche Vizemeisterin in der T1.

Svenja Kohl und Svartur sind Deutscher Meister im Speedpass geworden. Svartur ist wieder topfit und wir werden das Training nun wieder voll aufnehmen. Svenja hat seit 2015 extrem viel dazu gelernt und wir denken, dass sie in den Passwettbewerben leistungsstark sein wird.

Auch Brynja Sophie Árnason ist im deutschen Team! Sie hat meiner Ansicht nach reiterlich eine extrem positive große Entwicklung gemacht. In den letzten sechs Monaten hat sie sich enorm gesteigert. Sie erreichte Erfolge mit gleich mehreren Pferden in unterschiedlichen Disziplinen. Mal sehen, wie es für Brynja auf ihrer ersten WM als Teilnehmer läuft. Vielleicht gelingt es Ihr ja erneut, uns alle zu überraschen. Brynja ist immerhin Deutsche Vizemeisterin im 150 Meter Passrennen.

Lea Brill hat Kolgrimur mittlerweile wieder auf nahezu 100%. Nach verkorkstem Saisonstart ist es ihr mit viel Unterstützung des Teams gelungen, die Probleme zu beseitigen. Unser besonderer Dank gilt in diesem Fall an Pferdechiropraktikerin Susanne Braun und ihrer Trainerin Dörte Mitgau, die Lea und Kolgrimur wieder in Topform versetzt haben.

Anna Kesenheimer wird uns auch auf der Passstrecke begleiten. Somit ist sie unser vierter Passer nach Helmut, Vicky
und Svenja. Anna schnappt das erste Mal internationale Luft. Wir sind gespannt, wie sie mit diesem Druck zurechtkommt.

Das Ersatzpferd hat die Bundestrainerin über eine separate Endausscheidung in der T2 für junge Reiter außerhalb des offiziellen DIM-Programms ermittelt. Dieses Finale konnte Marlene Feldt mit Samuel mit 7,07 Zählern für sich entscheiden.Marlene ist das Küken in der Mannschaft. Sie wird erst in Kürze 16 Jahre alt. Hinsichtlich der Förderung junger Reiter wäre es angebracht, solche Finals auf Deutschen Meisterschaften zum Standard zu machen. So würden mehr junge Reiter zur DIM kommen, die unter den Erwachsenen keine realistischen Chancen auf die Teilnahme an der Endausscheidung haben. Aber die besten jungen Reiter würden öfter gegeneinander reiten.

IPZV: Reden wir weiter über die Personen hinter dem Deutschen Team. Wie wichtig ist das Team hinter der Equipe für
die Reiter?

Carsten Eckert: Das Team ist für die Reiter unheimlich wichtig. Erfolg ist, obwohl Reiten eine Individualsportart ist,
nur im Team möglich. Wir wollen eine Wohlfühlatmosphäre schaffen und gemeinsam an einem Strang ziehen.
Das heißt natürlich nicht, dass wir an Kritik im Training sparen. Wir wollen ja die bestmögliche Leistung auf der
WM erreichen.

Die vier Trainer (Melanie Müller, Suzan Beuk, Silke Feuchthofen und Haukur Tryggvason) garantieren eine optimale Betreuung der Reiter. Magnús steht uns auch immer helfend zur Seite, wenn wir ihn benötigen. Susanna Wand, Jens Maxheimer und ich bereiten alles möglichst optimal vor.

Georg Veith als Mannschaftstierarzt und Pferdechiropraktikerin Susanne Braun werden jedes Pferd optimal betreuen.
Beide sind international hoch angesehen und ich denke, unsere Mannschaft befindet sich dort in den besten Händen. Ich hoffe, es gelingt uns, wie 2015 eine echte Mannschaft zu formen und so maximalen Erfolg zu haben.
Ich selbst habe 2015 sehr viel über Pferde, Reiten und den Leistungssport gelernt und ich denke das ist allen so gegangen.


Wollen wir eine Gruppe nicht vergessen: die Grooms! Jeder Reiter hat seinen Groom. Der Groom ist der Helfer des Reiters. Er begleitet ihn zum Start und unterstützt den Reiter maximal. Er gehört natürlich auch zu unserem Team.

IPZV: Was sagst Du zu den Fans?

Carsten Eckert: Die deutschen Fans sind super!

Die tolle Stimmung und die Anfeuerung ist einfach der Wahnsinn! Außerdem sind sie immer fair zu anderen Nationen.
Ich kenne keinen Reiter, der nicht begeistert ist von der Atmosphäre.
Hoffentlich sehen wir viele in Oirschot.

IPZV: Was ist Eurer Ziel für Oirschot?

Carsten Eckert: Unser Ziel ist es, deutlich mehr Edelmetall mit nach Hause zu bringen und vielleicht auch in der
Mannschaftswertung ein Wort mitreden zu können. Weiter wollen wir natürlich Titel holen!

Wir reisen am Donnerstag,
dem 3. August, an. Am Nachmittag ist leichtes Training und ein interner Check geplant. Von Freitag bis Sonntag trainieren wir je nach Bedarf. Am Montag geht es dann mit den Zuchtbewerben los. Am Dienstag ist mit dem Viergang der sportliche Start, der Mittwoch steht im Zeichen des Fünfgangs.

IPZV: Wir drücken Euch ganz fest die Daumen!

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